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Neue Perspektiven für die Behandlung von stotternden Kindern und Erwachsenen

Foto: Jakob Studnar

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Möglichst frühe Behandlung verbessert die Chancen im Kita-Alter erheblich

Sätze nicht flüssig und geordnet sprechen zu können, kann schwerwiegende Folgen haben. Es droht dann soziale Ausgrenzung – in Kindergarten, Schule und Beruf. Stottern und Poltern, sogenannte Redeflussstörungen, sind häufige Erkrankungen, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene treffen können. In Deutschland leiden 800.000 Menschen allein unter Stottern. Zwar bildet es sich bei etwa drei von vier Kindern spontan wieder zurück, bei den übrigen jedoch kann es chronisch werden und stellt oft ein lebenslanges Problem dar. Etwas weniger häufig, wenngleich immer noch stark verbreitet, ist Poltern, ein zu schnelles, holpriges Sprechen mit unregelmäßigem Sprechtempo und Passagen einer oft undeutlichen, schwer verständlichen Aussprache.

Früh erkannt und kompetent therapiert, sind Redeflussstörungen gut behandelbar. Eine achtköpfige Gruppe von Ärzten, Therapeuten und Psychologen hat im Namen von 17 Fachgesellschaften, die in Deutschland mit Redeflussstörungen befasst sind, mehrere Jahre an einer neuen interdisziplinären Leitlinie (S3) gearbeitet, die in wenigen Tagen in Kraft tritt und dann von der AWMF (Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlicher medizinischer Fachgesellschaften) veröffentlicht wird. S3 bedeutet, dass die Leitlinie den bestmöglichen Evidenznachweis nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen liefert.

Zielgruppe sind Ärzte, Sprachtherapeuten, Psychologen, aber auch die Patienten mit ihren Angehörigen. Federführend war Prof. Katrin Neumann, Leiterin der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie der Universitätsklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde im St. Elisabeth-Hospital Bochum (Katholisches Klinikum), unterstützt durch Prof. Harald Euler, Professor für Psychologie der Universität Wien. „In drei Vierteln aller Fälle liegt Stottern bereits im Kindergartenalter vor“, betont Prof. Neumann. „Bleibt es über das vorpubertäre Alter hinaus bestehen, verringern sich die Möglichkeiten einer kompletten Beseitigung drastisch. Redeflussstörungen können zu erheblichen psychosozialen Belastungen führen, die die emotionale, soziale, schulische und berufliche Entfaltung nachhaltig beeinträchtigen können und wiederholte, langdauernde Therapien erfordern.“

Die neue Leitlinie räumt mit einigen in Deutschland noch immer verbreiteten Ansichten auf, z.B. dass Stottern psychische Ursachen habe oder durch familiäre Spracherfahrungen hervorgerufen werde. Vielmehr sind sich die Leitlinien-Experten einig, dass Stottern zum größten Teil erblich bedingt ist und mit Struktur- und Funktionsveränderungen im Gehirn einhergeht. Prof. Neumann: „Das in der Kindheit ohne erkennbare Ursachen entstehende Stottern muss daher als eine neurogene Erkrankung aufgefasst werden.“

Sie rät Eltern und Erziehern dazu, wachsam zu sein und genau hinzuhören. Durch fundierte Diagnostik mit abgesicherten standardisierten Verfahren kann Stottern früh erkannt werden. Im Alter von drei bis sechs Jahren ist eine aus Australien stammende Behandlung („Lidcombe“) am wirksamsten, bei der stotternde Kinder für gut gesprochene Sätze nach klar festgelegten Regeln von den Eltern gezielt gelobt und mit sanften, dosierten Hinweisen auf Stottermomente hingewiesen werden.

Für Jugendliche und Erwachsene gibt es hohe Erfolgsaussichten für Methoden, die das Sprechen neu strukturieren. Beim so genannten Fluency Shaping lernt der Patient eine neue Sprechweise, die zuerst stark verlangsamt ist und bei der die einzelnen Wörter weich angesetzt werden. Danach wird dieses neue Sprechmuster durch häufige Wiederholungen eingeschliffen und trainiert. Als ebenfalls wirksam erwies sich eine Behandlungsform, die nicht die gesamte Sprechweise, sondern nur das gestotterte Wort umstrukturiert, z.B. durch Desensibilisierung gegen die gefürchteten Stotter-Ereignisse und mit Techniken, sie zu beenden („Stottermodifikation“).

Unzureichende Ergebnisse brachten dagegen medikamentöse Behandlungen, Hypnosen, Therapien ausschließlich mit kontrollierter Atemregulation sowie unspezifische Stottertherapien, wie sie in vielen Praxen durchgeführt werden.

Jede Behandlung sollte einen ersten Nutzen innerhalb von drei Monaten zeigen, sonst ist ein Wechsel angezeigt. Mit der Therapie mit Kindern länger als maximal zwölf Monate nach Stotterbeginn zu warten, kann riskant sein: Zwar verflüchtigt sich das Stottern bei Kindern in vielen Fällen von selbst. Bleibt es aber bestehen, sinken die Erfolgschancen rapide, wenn die Therapie zu spät einsetzt. Liegen weitere Defizite wie Sprachentwicklungs- oder Angststörungen vor, müssen sie leitliniengerecht mitbehandelt werden.

Donnerstag, 25. August 2016