Gesund aufwachsen im Revier

4. Ruhrgebietskongress zur Kinder- und Jugendgesundheit

GESUND AUFWACHSEN IM REVIER! Unter diesem Motto befördert der Ruhrgebietskongress zur Kinder- und Jugendgesundheit bereits im vierten Jahr – dieses Jahr erstmalig in Dortmund – den regionalen Aus-tausch der Professionen und Institutionen aus Gesundheitsversorgung. Bildungswesen, Jugendhilfe und Wohlfahrt und die öffentliche Wahrnehmung des gemeinsamen Anliegens. „Kinderschutz“, „Soziale Teilhabe und Rehabilitation“ und „Psychische Gesundheit“ sind die Themen, die Anfang März im Kongresszentrum Dortmund diskutiert wurden. Mittlerweile hat sich der Kongress zu einer festen Institution des Austauschs zwischen den unterschiedlichen, an der Versorgung und Erhaltung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beteiligten Professionen im Ruhrgebiet manifestiert. Zu diesem Austausch wurde sowohl das Plenumsprogramm am Vormittag als auch die drei themenspezifischen Foren am Nachmittag genutzt.

Die Schirmherrschaft wurde von Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, übernommen, der während des Kongresses durch den Staatssekretär Andreas Bothe, Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, vertreten wurde. Dieser betonte im Auftakt des Kongresses das zentrale Ziel der neuen Landesregierung sei es, die Frühen Hilfen und die Netzwerkarbeit im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit weiterzuentwickeln, um die Prävention überall in NRW zu stärken: weg von Modellprojekten, hin zu einer flächendeckenden Versorgung! Das wiederum betonte erneut die besondere Wichtigkeit einer strukturierten interprofessionellen Zusammenarbeit.

Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stand dieses Mal im Mittelpunkt des Kongresses. Es geht darum, Risiko- und Schutzfaktoren wie auch Anzeichen seelischer Erkrankungen in den Lebenswelten der Kinder besser erkennen und möglichst frühzeitig intervenieren zu können. Auch hierfür möchte die Landesregierung mehr Ressourcen zur Verfügung stellen.

Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen: Erkennen – Vorbeugen – (Be-)Handeln

Prof. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, LWL Universitätsklinik Hamm, thematisierte in seinem Beitrag nicht nur mögliche Krankheitsbilder und ihre zugehörigen Diagnosen im Bereich der psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter, sondern fokussierte seinen Beitrag auf die daraus resultierenden Bedarfe an Versorgung aus Gesundheits- und Jugendhilfe. Hierbei prallen die unterschiedlichen Strukturierungsweisen der Gesundheits- und der Jugendhilfe gegebenfalls aufeinander, die durch den gegenseitigen Austausch und die Schaffung des Verständnisses füreinander aufgelöst werden müssen, damit Überleitungen gut funktionieren.

Diskussionsrunde im Plenum:

Unter der Moderation von Dr. Sabine Schipper erörterten und veranschaulichten in der anschließenden Diskussionsrunde Reinhild Mersch (Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Einrich-tungen und Dienste der Erziehungshilfe im Bistum Essen), Dirk Pisula (Abteilungsleiter Produk-te/Prävention, AOK NordWest), Dr. med. Frank Renken (Leiter Gesundheitsamt der Stadt Dortmund), Christiane Thiele (BVKJ Landesverbandsvorsitzende Nordrhein) und Prof. Martin Holtmann anhand von Beispielen wie der psychischen Gesundheit und dem Kinderschutz Möglichkeiten und Grenzen bezüglich der berufs- und einrichtungsübergreifenden Zusammenarbeit gesetzt werden.

In den drei Nachmittagsforen zu den Themen „Kinderschutz an der Grenze zwischen Medizin und Ju-gendhilfe“, „Soziale Teilhabe durch Kinder- und Jugendrehabilitation“ und „Psychische Störungen – An-zeichen erkennen – Hilfe initiieren“ wurde in lebhaften Diskussionen wiedermals eines klar: Ohne inter-professionelle Zusammenarbeit und dem Aufbau einer Netzwerkstruktur geht es nicht!

Fachforum 1: Kindeswohl und Kindesschutz – Kinderschutz an der Grenze zwischen Medizin und Jugendhilfe

Im Durchschnitt werden bundesweit drei Kinder pro Woche durch Gewalt oder Vernachlässigung getö-tet. Der gesetzlich definierte Schutzauftrag für Kinder und Jugendliche liegt bei der Jugendhilfe – geregelt über den §8a des SGB VIII. Doch dieser Auftrag schließt keineswegs aus, dass auch weitere Profes-sionen, die anderen sozialgesetzlichen Bereichen unterliegen, ihren Beitrag zum Kinderschutz leisten können und sollen.

Insbesondere der Medizin kommt hierbei eine praktische Bedeutung zu. Dies ergibt sich zum einen aus ihrem medizinischen Versorgungsauftrag, durch den sowohl in der Akutmedizin als auch in der medizini-schen Prävention immer wieder Fälle mit dem Verdacht auf Kinderschutzfragestellungen auffällig wer-den. Zum anderen können die verschiedenen medizinischen Institutionen Diagnostiken durchführen, Vertreter der Jugendhilfe beraten und Familien ggf. mittel- und langfristig betreuen.

In verschiedenen Einzelinitiativen versuchen die medizinischen Institutionen gemeinsam mit weiteren Akteuren die Potenziale aus der Medizin zu nutzen. Dazu gehört beispielsweise das Präventionskonzept „Start mit Stolpern“ des Westfälischen Kinderzentrums am Klinikum Dortmund, das über zwei Kinder-schutzfachkräfte verfügt, die an der genannten Grenze zwischen Jugendhilfe und Medizin agieren und somit u.a. die Aufgaben der Vermittlung zwischen Akteuren der Gesundheits- und der Jugendhilfe über-nehmen. Das Konzept wird aus Mitteln des intervenierenden Kinderschutzes der Jugendhilfe, des Klini-kums sowie aus Spenden finanziert. Eine weitere Initiative, die die Problemlagen an den Schnittstellen der versorgenden Institutionen entgegenwirken möchte, ist das Informationssystem RISKID, das zum Abbau von Hemmnissen zum Informationsaustauch zwischen den Akteuren dienen soll.
Eine zusätzliche Hilfestellung für die beteiligten Akteure soll die – seit 2014 unter der Koordination der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM) – AMWF S3+ Kinderschutzleitlinie dar-stellen. Sie hat zum Ziel anhand von Handlungsempfehlungen die Versorgungssituation von misshandel-ten, missbrauchten und vernachlässigten Kindern zu verbessern und die Zusammenarbeit der Partner im Kinderschutz zu beschreiben und zu optimieren.

Anhand der Forumsbeiträge wurde allerdings deutlich, dass für eine systematische Zusammenarbeit es derzeit noch an einheitlichen Strukturen fehlt – sowohl für die Erbringung der einzelnen Leistungen durch die Medizin als auch für die strukturierte Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Medizin. Denn weiterhin baut das System noch viel zu sehr auf das persönliche Engagement einzelner Akteure. Die Forumsteilnehmer waren sich darin einig, dass man sich nicht auf individuelles oder gar ehrenamtliches Engagement verlassen dürfe.

Fachforum 2: Chronische Erkrankungen – Soziale Teilhabe durch Kinder- und Jugendrehabilitation

Bereits seit der „ersten Stunde“ beschäftigt sich der Kongress mit der Fragestellung,, wie Kinder mit Behinderungen und schwerwiegenden chronischen Erkrankungen trotz ihrer gesundheitlichen Defizite ein möglichst uneingeschränktes Leben in demselben Umfeld führen können wie Gleichaltrige. In die-sem Jahr stand dabei die Kinder- und Jugendrehabilitation mit ihren Möglichkeiten im Fokus einen Bei-trag zur Erhöhung der sozialen Teilhabe der Betroffenen zu leisten.

Für Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsverzögerungen, bestimmten chronischen Erkrankungen und Behinderungen ist die ambulante Versorgung durch Angebote der Frühförderung und Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) relativ gesichert. SPZs stellen eine Schnittstelle zwischen klinischer Pädiatrie, niedergelassenen Kinderärzten, pädiatrischer Rehabilitation und öffentlichem Gesundheitsdiensten dar. Doch die Angebote des SPZ können nur bis zum 21. Lebensjahr genutzt werden, deshalb sind die Möglichkeiten für Jugendliche zum Übergang in die Erwachsenenversorgung bisher nicht ausreichend. Das soll durch den Aufbau des ersten Medizinischen Zentrums für Erwachsene mit Behinderung (MZEB) im Ruhrgebiet verbessert werden.

Neben den ambulanten Möglichkeiten, bieten mittlerweile rund 50 Kliniken in Deutschland eine stationäre Rehabilitation für Kinder und Jugendliche an. Trotz konstant hoher Zahlen an chronisch erkrankten Kindern und Jugendlichen (etwa 16% der unter 17-jährigen leiden an einer chronischen Erkrankung) sinkt die Zahl der Anträge auf eine Kinder- und Jugendrehabilitation. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und wurden in dem Fachforum diskutiert. Die Sorge um Schulzeitverlust, das Nichterkennen möglicher Spät-folgen als auch die kritische Haltung niedergelassener Ärzte zur Rehabilitation könnten mögliche Ursachen sein.

Ziel sollte es sein, dass jedem betroffenen Kind und Jugendlichen mit entsprechendem Bedarf auch entsprechende Leistungen zuteilwerden. Denn mit individuell abgestimmten Reha-Maßnahmen kann ein entscheidender Beitrag für Gesundheit, Lebensqualität und soziale Teilhabe geleistet werden. Da nicht nur medizinische Faktoren im Mittelpunkt stehen, sondern auch der familiäre und soziale Kontext in Bezug auf eine Verringerung krankheitsbedingter Beeinträchtigungen im persönlichen Alltag einbezogen werden. Diesem Anliegen versuchen das Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen und das Flexirentengesetz zu entsprechen. Ob und wie sie dieses Ziel erreichen, wird die Zukunft zeigen.

Fachforum 3: Psychische Störungen – Anzeichen erkennen – Hilfe initiieren

In der Fortführung des Plenums beschäftigte sich das Fachforum 3 intensiv mit der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Im Fokus stand die Frage, wie man Beobachtungen aus den Lebenswelten und diagnostische Einordnungen – als Basis für ein individuell angemessenes Handeln – besser zueinander bringen kann.

Die Kinder und Jugendlichen selbst, aber natürlich auch Eltern, Geschwister, die Schule und das weitere soziale Umfeld können Entwicklungen psychischer Auffälligkeiten beobachten und aufmerksam werden. Wie geht es danach weiter? Welche Weichen werden danach wo gestellt? Oft sind der Kinderarzt oder Beratungsstellen die ersten Ratgeber. Doch wann ist es sinnvoll, weitere Stellen einzuschalten? Denn nicht in allen Fällen ist eine Behandlung in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung notwendig.

Bei der Fachberatungsstelle Blickpunkt Kind in Bochum, die an das Jugendamt angesiedelt ist, handelt es sich beispielsweise um ein Angebot, das im Auftrag des Sozialen Dienstes eine Diagnostik für Kinder im Vorschulalter erstellt und eine Empfehlung für weitere Hilfen abgibt, um langen und kostenintensiven Fallverläufen entgegenzuwirken. Zudem steht sie als spezialisierte Beratungsstelle den Mitarbeitern des Jugendamtes mit den Kompetenzen im Bereich psychischer Störung, Diagnostik und Behandlung in Fallkonferenzen und kollegialen Fallberatungen zur Verfügung.

Da bei einigen Betroffenen ist die Hemmschwelle , direkten Kontakt zum Jugendamt aufzunehmen, hoch ist, versteht sich beispielsweise der Psychologische Dienst, des gemeinnützigen Trägers sci:moers oft als erste Anlaufstelle für besorgte Eltern, Lehrer, Kinder und Jugendliche und bietet ein niederschwelliges Beratungsangebot, was als Überbrückungszeit bis zum möglichen Therapiebeginn dienen soll.

Eine besonders stark belastete Zielgruppe sind Kinder psychisch kranker Eltern. In Deutschland wachsen ca. zwei Millionen Kinder in Familien auf, in denen ein Elternteil psychisch krank ist. Die Kinder als Angehörige bleiben oft mit ihren vielfältigen Sorgen, Ängsten und Problemen auf sich alleine gestellt. Aufgrund dessen hat sich bereits vor 10 Jahren das Dortmunder Netzwerk KAP-DO gegründet, die einen präventiven Ansatz verfolgen, in dem es Kinder psychisch kranker Eltern unterstützende Angebote zur Verfügung stellt.

In dem Forum wurde deutlich, dass die Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen sowie der Aufbau einer Netzwerkstruktur relevante Faktoren bei der Betreuung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten sind. Denn nur eine gelungene interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht, dass Anzeichen für seelische Gefährdungen rechtzeitig erkannt werden und somit richtig eingeordnet werden können. Eine Diagnose sollte allerdings stets als differenzierter und dynamischer Prozess verstanden werden, der regelmäßig überprüft werden muss, um die entsprechenden Hilfen gegeben falls anzupassen.


Erstellt am Mittwoch, 11. April 2018, 13:02 Uhr