News

News

Webgespräch „Psychische Kindergesundheit in Zeiten von Corona“

Die Moderatorinnen des Webgesprächs: Berit Schoppen & Inja Klinksiek (MedEcon Ruhr)

Am 28. April 2021 organsierte MedEcon Ruhr das Webgespräch „Psychische Kindergesundheit in Zeiten von Corona“, an dem über 360 Personen aus verschiedenen Sektoren (Gesundheitswesen, Jugendhilfe, Wohlfahrtsverbände, Bildungsbereich, Krankenkassen, wissenschaftliche Einrichtungen sowie die Politik) teilnahmen. Die Veranstaltung schloss sich an die Diskussionen des diesjährigen Ruhrgebietskongresses an, der sozial bedingte Entwicklungsdefizite von Kindern und Jugendlichen in den Fokus setzte. Ein Thema, das durch die Auswirkungen der Corona Pandemie noch an Bedeutung gewonnen hat.

Die Auswirkungen der Pandemie – Schließung der Kitas, Schulen und Sporteinrichtungen sowie Einschränkungen der sozialen Kontakte – wirken sich auch auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus. Laut einer Sonderauswertung der Krankenkasse DAK kommen seit Beginn der Corona Pandemie mehr Kinder und Jugendliche zur Behandlung in psychiatrische Kliniken. Der Aufenthalt in der Klinik sei häufig der letzte Ausweg und stellt somit nur die Spitze des Eisbergs dar – stellte Prof. Martin Holtmann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, LWL Universitätsklinik Hamm, dar. In seinem Vortrag führte Holtmann anhand verschiedener Störungsbilder anschaulich auf, wieso Kinder und Jugendliche mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen haben. Kinder und Jugendliche mit einer Neigung zu Depressionen leiden unter dem Fehlen von positiven Anreizen wie Freunde, Sport und Schule. Der Anteil der Depressionen innerhalb der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist in der Pandemie gestiegen. Doch weniger die Pandemie haben die Depressionen verursacht. Vielmehr wurde die Schwelle gesenkt für Menschen, die schon vorher an einer Grenze zu einer psychischen Erkrankung waren. Denn Personen mit einer milden Depression benötigen eine Tagesstruktur, Ablenkung, angenehme Aktivitäten und soziale Kontakte – Faktoren, die in der Pandemie wegfallen. Somit werden in Zeiten der Pandemie Klinikaufenthalte notwendig, die vorher auch ohne ein stationäres Angebot behandelbar gewesen wären. Neben den Depressionen wird in der Kinder- und Jugendpsychiatrie auch eine Zunahme an Essstörungen deutlich. Auch hier haben die Coronabedingungen dazu geführt, dass aus einer leichten Neigung ein Vollbild entsteht. Kinder und Jugendliche mit einer Neigung zur Magersucht fehlt die Bestätigung durch Leistungen in Schule, Sport oder Musikunterricht. Sie beziehen ihren Selbstwert dann noch stärker über den Gewichtsverlust.

Zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen benennt Holtmann die Resilienz – „das Immunsystem der Seele“. Doch gleichzeitig führt er auf, dass die Widerstandsfähigkeit nur bedingt strapazierfähig ist und die Dauer einer Belastung entscheidend sei. Die Resilienzförderung sieht er somit als Aufgabe der Gesellschaft und appelliert, zur Besserung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen an den Strukturen und nicht nur an den individuellen Faktoren anzusetzen.

Den Aspekt griff Dr. Maria Andrino, Leiterin des Gesundheitszentrums am Franz Sales Haus, auf, in dem sie die Forderungen der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte aus Essen aufführte, die sie bereits in einem Brandbrief an den Oberbürgermeister verfassten. Mit dem Brief möchten sie den Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben und fordern kreativere Möglichkeiten in Bezug auf die Corona Maßnahmen auch bei höheren Inzidenzzahlen. Die geplanten Stufenpläne sollten detaillierte und expliziter auf die Bedürfnisse und die notwendige Förderung der Kinder eingehen. Die Kinder- und Jugendärzte nehmen verstärkt Angststörungen bei den Kindern und Jugendlichen wahr sowie Kopf- und Bauchschmerzen ohne organische Ursache, Aggressionen, Schlafstörungen, Übergewicht, aber auch sprachliche und motorische Auffälligkeiten. Dr. Andrino bestätigte diese Wahrnehmung anhand ihrer Arbeit in der interdisziplinären Frühförderstelle SCHIFF, in der sie 500 Kinder und Familien behandelt. Zum Ende der Veranstaltung stellt Andrino noch die wichtige Bedeutung des Perspektivwechsels, der Netzwerkarbeit sowie das Darstellen positiver Ausblickrichtungen für die Verbesserung der psychischen Kinder- und Jugendgesundheit in Zeiten von Corona in den Fokus.

Wolfgang Schreck, der sowohl in seiner Rolle als Jugendamtsleiter der Stadt Gelsenkirchen als auch als Vorstandsmitglied der Bundespsychotherapeutenkammer referierte, fokussierte die Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf die psychische Gesundheit. Die Corona Pandemie vergrößere die Schere zwischen Arm und Reich. Somit zeigen aktuelle Studien sowie die Praxis, dass besonders sozial benachteiligte Kinder die Belastungen der Pandemie besonders stark erleben. Deshalb sei es laut Schreck im aktuellen Krisenmanagement notwendig, die begrenzten Ressourcen besonders in Sozialräume einfließen zu lassen, in denen Kinder, Jugendliche und Familien einen hohen Bedarf an Hilfe und Unterstützung benötigen.

Die Vorträge der Referent:innen sowie die Aufnahme des Webgesprächs finden Sie hier.

Freitag, 30. April 2021