Gesund aufwachsen im Revier

Nahtloses Anknüpfen an erfolgreiche Premiere

An die erfolgreiche Premiere in 2015 knüpfte der 2. Ruhrgebietskongress „GESUND AUFWACHSEN IM REVIER!“ am 20. Februar 2016 mit über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie rund 30 Referentinnen und Referenten nahtlos an. Dabei hatte das zentrale Anliegen des Kongresses Bestand: Austausch der Professionen und Institutionen aus Gesundheitsversorgung, Bildungswesen, Jugendhilfe und Wohlfahrtspflege im Ruhrgebiet und darüber hinaus.

MedEcon-Geschäftsführer Dr. Uwe Kremer verwies einleitend auf das Gemeinsame Statement zur Kinder- und Jugendgesundheit im Ruhrgebiet, auf das sich der Berufsverband der Kinder- und Ju-gendärzte NRW, die Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendkliniken im Ruhrgebiet sowie die AOK Rheinland/Hamburg, die Barmer GEK, die Knappschaft und die Techniker Krankenkasse bereits 2015 geeinigt hatten. Die dort festgehaltenen Eckpunkte besäßen nach wie vor ihre Gültigkeit. Rückblickend auf die Zeit zwischen den beiden Kongressen resümierte Dr. Uwe Kremer die Rolle von MedEcon Ruhr: MedEcon Ruhr unterstützt die ruhrgebietsweite Vernetzung der unterschiedlichen Akteursgruppen im gesamten Spektrum der Kinder- und Jugendgesundheit. Besondere Bedeutung habe hierfür das vom NRW-Wissenschaftsministerium geförderte Regionale Innovationsnetzwerk zur Kinder- und Jugendgesundheit, das von MedEcon koordiniert werde.

Der MedEcon-eigene Projektschwerpunkt liege bei chronischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter, was sich auch in dem regionalen Forschungsverbund zu neuen Volkskrankheiten im Kindes- und Jugendalter (NIKI), in dem regionalen Versorgungsnetzwerk zur Multiplen Sklerose bei Kindern und Jugendlichen sowie das in dem im Aufbau befindlichen Netzwerk zur Transitionsmedizin, d.h. zur strukturierten Übergabe von chronisch kranken Jugendlichen aus der Pädiatrie in die Erwachsenenmedizin, niederschlage.

Gesundheitsministerin Steffens: Die gesamte Lebenssituation ins Blickfeld nehmen

In ihrem einleitenden Vortrag ordnete NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens die Kinder- und Jugendgesundheit in die gesamte Lebenssituation und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ein. Sie verwies dabei u.a. auf einen beschleunigten Alltag und knappe Zeitressourcen von Familien, die hohe Ansprüche an die Kinder und Jugendlichen stellen und oft mit überzogenen Leistungserwartungen, vollen Terminkalendern und mangelnden (Frei-)Räumen in den Lebenswelten verbunden seien. Dabei müsse das Gesundheitssystem oft als „Reparaturbetrieb“ fungieren und z.B. als Konsequenz gesamtgesellschaftlicher Fehlentwicklungen Betten in kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken neu ausweisen.

Wichtig sei vor diesem Hintergrund, das Wissen über gesundheitsfördernde Verhaltensweisen bei Kindern, Eltern und ihren Angehörigen zu stärken und ihre Ressourcen zu steigern. Ebenfalls plädierte sie für grundsätzliche Strukturverbesserungen: Das Problem der multiprofessionellen Zuständigkeiten müsse durch Kooperation angegangen werden – sicherlich auch in der Perspektive regulatorischer Veränderungen. Gute Beispiele bereits bestehender Kooperationen zu nutzen und zu übertragen, sei von besonderer Relevanz.

Entsprechend plädierte Dr. Heinz-Jürgen Stolz, Landeskoordinator des NRW-Landesprogramms „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“, der das kurz vorher erschienene Positionspapier „Integrierte Gesamtkonzepte kommunaler Prävention“ vorstellte, für kommunale Kommunikationsketten als biografieorientierte und bereichsübergreifende Unterstützungs- und Fördersysteme. Funktionsfähig und nachhaltig seien solche Ketten nur dann, wenn Prävention in der Kommune zur „ChefInnensache“ erklärt, von allen Akteuren und Institutionen gemeinsam getragen werde und einer wirkungsorientierten Steuerung unterliege.

Diskussionsrunde: Sektorübergreifende Kooperation finanziell absichern

An der anschließenden Diskussionsrunde mit Barbara Steffens und Heinz-Jürgen Stolz beteiligten sich Ulrich Adler von der NRW-Landesvertretung der Techniker Krankenkasse, Dr. med. Burkhard Lawrenz, BVKJ-Landesverbandsvorsitzender Westfalen-Lippe, Peter Renzel, Geschäftsbereichsvorstand für Jugend, Bildung und Soziales der Stadt Essen und Prof. Dr. med. Claudia Roll von der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln (zugleich Vorstandsmitglied von MedEcon Ruhr).

Die verbesserte Kooperation der Akteure stand bei allen Beteiligten im Mittelpunkt ihrer Beiträge. Auch das Anliegen einer Refinanzierung, die über den Regelumfang der jeweiligen Tätigkeit systematisch hinausgeht, fand einheitliche Zustimmung. Leider werde eine solche Finanzierung nicht durch das neue Präventionsgesetz abgedeckt. Das Gesetz bilde zwar einen guten Anfang, eine Fortentwicklung sei aber erforderlich. Nordrhein-Westfalen stelle in diesem Kontext eine Besonderheit dar: Hier investieren die Kostenträger bereits seit vielen Jahren über das bisher vorgegebene Mindestmaß hinaus in Präventionsangebote und –maßnahmen.

Ein weiterer zentraler Diskussionspunkt war die Notwendigkeit, die Zugänge zu besonders präventions- und förderbedürftigen Zielgruppen zu verbessern. So bieten z.B. die Neonatologien der Kinderkliniken gute Möglichkeiten, um familiäre Unterstützungsbedarfe frühzeitig zu erkennen, da die Angehörigen mit den Frühgeborenen über einen längeren Zeitraum in der Klinik betreut werden. Gleiches gilt für die niedergelassenen Kinder- und Jugendarztpraxen, die die Familien i.d.R. über viele Jahre hinweg begleiten und kennen. Ihre Zusammenarbeit in der Prävention mit KiTas und Schulen müsse aber nach Ansicht des BVJK-Landesverbandvorsitzenden Dr. Lawrenz weiter gestärkt werden – statt des derzeitigen Status-Quo mit vielen individualpräventiven Maßnahmen sollte die Gruppendynamik in Settings intensiver für gemeinsame Präventionsmaßnahmen genutzt werden.

Wie dies in speziellen Arbeitsfeldern und im Hinblick auf bestimmte Zielgruppen angegangen bzw. schon realisiert wird, wurde in den am Nachmittag stattfindenden sechs themenspezifischen Fachforen thematisiert und diskutiert.

Fachforum 1: Kooperativer Kinderschutz – Stolperstein „Schnittstelle“

Wie im Kinderschutz die Schnittstellen zwischen Gesundheitswesen und Jugendhilfe definiert und derzeit ausgestaltet sind, war Gegenstand des Austausches im Fachforum „Kooperativer Kinderschutz – Stolperstein „Schnittstelle““. Die Forumsbeiträge bestätigten im Wesentlichen die Kernpunkte des Evaluationsberichtes zum Bundeskinderschutzgesetz von Ende 2015. Während sich das Angebot der Frühen Hilfen – nicht zuletzt auf Grund der Integration in die Sozialgesetzgebung durch das Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes – fast flächendeckend etabliert hat und interdisziplinär sowie multiprofessionell koordiniert wird, zeichnet sich beim intervenierenden Kinderschutz noch großer Handlungsbedarf ab. Bislang fehlen strukturelle Möglichkeiten und Rahmenbedingungen, die eine systematische Zusammenarbeit und Ausgestaltung der Vernetzung über sozialrechtliche Grenzen hinweg nachhaltig und verbindlich regeln.

Die Aktivitäten im Ruhrgebiet – wie auch in vielen anderen Regionen – basieren derzeit und in einzelnen Kommunen teilweise bereits schon seit Jahrzehnten auf individuellem Engagement und/oder Modellprojekten. Neben den gemeinsamen Bemühungen, mehr Öffentlichkeit für das Thema zu erreichen und in den Dialog mit der Politik zu treten, sei der interdisziplinäre und multiprofessionelle Austausch inner- sowie interkommunal der Ruhrgebietsakteure wichtig – so das Fazit der Beteiligten. Formate wie der Ruhrgebietskongress böten hierfür einen geeigneten Rahmen, um bessere Voraussetzungen für die Zusammenarbeit zu schaffen.

Fachforum 2: Case Management bei chronischen Erkrankungen

Besonders bei der Versorgung und Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen lässt sich die Notwendigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit aller Akteure aus den Bereichen Gesundheitsversorgung und Soziales erkennen. Denn gerade bei langfristigen, meist schwerwiegenden Krankheitsverläufen stellt die Gewährleistung der gesellschaftlichen und sozialen Teilhabe eine besondere Herausforderung dar. Wie eine bruchlose Versorgung durch unterschiedliche Akteure gewährleistet und wie etwaige Probleme in den Krankheitsverläufen rechtzeitig erkannt oder gar verhindert werden können, waren zentrale Diskussionspunkte des Forums „Case Management bei chronischen Erkrankungen“.

Häufig werden krankheitsbedingte Probleme, die sich jeweils sehr unterschiedlich äußern können – in der Regel vermeidbare gesundheitliche Risiken bspw. durch mangelnde Therapiecompliance, Entwicklungsverzögerungen, Versorgungsbrüche oder Überlastungssituationen in den Familien – „erst“ in der Kinderarztpraxis oder in der Kinder- und Jugendklinik augenscheinlich. Sowohl die Betroffenen als auch die behandelnden Akteure wünschen sich in diesen Fällen eine externe Anlaufstelle, die Hilfestellungen gibt, berät und ggf. vermittelt. Denn entsprechend der Kindernetzwerk-Studie „Familie im Fokus“ des AOK-Bundesverbandes (2014), deren Ergebnisse den Einstieg in die Thematik des Forums bildeten, empfinden die Betroffen den organisatorischen Aufwand, der mit der Krankheit einher geht, als sehr belastend. Zwei Drittel der Befragten bemängeln die Informationen über die jeweiligen Erkrankungen als nicht ausreichend.

Mit einem Blick auf die Realität des Versorgungsalltags wurde im Forum deutlich, dass auch die Gesundheitsversorger dieses Empfinden teilen. So sind z.B. den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sozialdienste in den Krankenhäusern klare Grenzen an den entsprechenden Schnittstellen bei der Übergabe in das anschließende Versorgungssetting im Behandlungspfad gesetzt. Ursachen hierfür liegen nicht nur in der Zuständigkeits- und damit verbunden Finanzierungsregelung durch die Sozialgesetzbücher, sondern auch in uneinheitlichen Kommunikationswegen oder in teilweise finanziell nicht abgedeckten Netzwerkleistungen. Dennoch gibt es für bestimmte Patientengruppen, z.B. in der Interdisziplinären Frühförderung, bereits Ansätze, in denen Case Management in einem ganzheitlichen Ansatz gelebt wird. Für alle anderen Gruppen stellte sich während der Diskussion die Frage, ob nicht Kommunen im Rahmen des öffentlichen Gesundheitsdienstes – zumindest teilweise – die Rolle des Lotsen in der Versorgungslandschaft übernehmen könnten.

Fachforum 3: Gesundheits- und Sozialberichterstattung als Gestaltungsressource

Gute Gesundheitsversorgung braucht ein Datenmonitoring, welches besondere Problemlagen und Bedarfe auf kleinräumiger Ebene signalisiert, Veränderungen über Zeiträume anzeigt und Vergleiche zwischen Quartieren und Kommunen ermöglicht. Im Forum wurde die Eignung ausgewählter Screenings für eine Gesundheits- und Sozialberichterstattung erörtert.

Ausgangspunkt der Diskussion war die Verwendung der Schuleingangsuntersuchungen für die Gesundheits- und Sozialberichterstattung. So diene diese in vielen Kommunen als bewährtes Instrument für die Berichterstattung und zeige den Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Lage auf. Neben der stetigen Weiterentwicklung der Schuleingangsuntersuchungen, etwa die aktuelle Ergänzung um ein Screeninginstrument zur Erfassung von Verhaltensauffälligkeiten, wurde auch die Verknüpfung mit der pädiatrische Vorsorgeuntersuchung U9 thematisiert. Mit einer Verbindung könnten Doppeluntersuchungen im gleichen Zeitraum vermeiden und weitere Gesundheitsindikatoren ermittelt werden, was ein umfangreicheres Bild des gesundheitlichen Status von Kindern und Jugendlichen ermögliche. Allerdings wurde in der Diskussion deutlich, dass ein standardisiertes Monitoring bestimmte Grundlagen voraussetze, die die Vorsorgeuntersuchung U9 derzeit nicht erfülle: So seien grundlegende Anpassungen in der Erhebung und Zusammenführung der Daten notwendig. Doch auch weitere Gründe, wie z.B. die damit verbundene Verlagerung der Tätigkeiten aus der Kommune in die Kinderarztpraxis, lassen eine Umsetzung der Verknüpfung auch in Zukunft als unrealistisch erscheinen.

Neben dem Austausch um die Verknüpfung dieser Screeninginstrumente stand die Aussage im Fokus der Diskussion, dass ein mehr an Daten nicht zwangsläufig mit einer stärkeren Umsetzung von Präventions- und Vorsorgeleistungen einhergehe. Ein umfassendes Datenpool sei zwar eine gute Grundlage für die Initiierung von Aktivitäten zur Verbesserung der Gesundheit, jedoch müsse sichergestellt sein, dass die örtlichen Handlungsstrukturen und Prozessressourcen dazu befähigt werden, diese auch zu nutzen. Hierfür seien festgelegte Gesundheitsziele sowie Maßnahmen notwendig. Würden diese transparent für alle Akteure dargestellt und mit einer gewissen Verbindlichkeit versehen – z.B. durch einen Fachplan Gesundheit in der Kommune, könne die Nutzung der durch Screeninginstrumente gewonnen Erkenntnisse verstetigt werden.

Fachforum 4: Kinder und Jugendliche ohne Krankenversicherungsschutz

Im Rahmen des Fachforums „Kinder und Jugendliche ohne Krankenversicherungsschutz“ ging es vorwiegend um Kinder und ihre Familien aus anderen EU-Ländern (insb. Südosteuropa), die sich in steigender Anzahl in den Ruhrgebietskommunen dauerhaft aufhalten. Besondere Probleme bei der medizinischen Versorgung durch das Regelsystem ergeben sich für sie auf Grund eines fehlenden bzw. eingeschränkten oder ungeklärten Krankenversicherungsstatus im Heimatland. Medizinische Leistungserbringer, die im Rahmen der Notfallversorgung, aber auch darüber hinaus diese Personengruppe behandeln, stehen vor ebenso enormen Herausforderungen wie die Kommunen.

Vor diesem Hintergrund richtete sich der Fokus des Fachforums auf den Wissensaustausch um die Gründe der Versicherungslosigkeit, die daraus resultierenden rechtlichen Rahmen- und Handlungsbedingungen, u.a. Schweige- und Meldepflichten der behandelnden Ärzte und des nicht-ärztlichen Personals, sowie Lösungswege zur Klärung und Absicherung einer Krankenversicherung oder sonstigen Kostenträgerschaft im Detail. Besonders hingewiesen wurde auf die Tatsache, dass es auch eine hohe Zahl an unversorgten Personen gibt, die keine Einwanderer sind und die man ebenfalls im Blick behalten müsse.

Einig waren sich die Forumsbeteiligten hinsichtlich der Zielsetzung für diese Bevölkerungsgruppen: Der Zugang zum regelhaften System der Gesundheitsversorgung kann nur durch eine Klärung oder das Herbeiführen einer Krankenversicherung über eine Beschäftigung oder Leistungsgeldbezug für die Eltern erreicht werden, so dass die Kinder mitversichert werden und an der präventiven und gesundheitlichen Versorgung teilhaben können.

Fachforum 5: Erwachsenwerden mit chronischer Erkrankung

Neben den Schnittstellenproblematiken in der Versorgungskette von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen gibt es eine weitere „Sollbruchstelle“ im System, an der besondere, meist vermeidbare Risiken entstehen können: die Schnittstelle zwischen dem Jugendalter am Übergang zum Erwachsenenalter. Denn mit 18 Jahren bzw. in bestimmten Fällen mit 21 Jahren ist der Übergang aus der pädiatrischen Versorgung in die Erwachsenenmedizin durch das Gesundheitssystem vorgegeben. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und Hindernisse für die Jugendlichen sowie die medizinischen und therapeutischen Behandlerinnen und Behandler waren Gegenstand des Austausches im Forum „Erwachsenwerden mit chronischer Erkrankung“.

Für die Behandlung müssen weiterbetreuende Spezialisten gefunden werden, mit denen die Jugendlichen trotz ungewohnter Strukturen und Abläufe eigenverantwortlich und losgelöst von den Eltern eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung aufbauen können. Trotz mangelnder Finanzierung zusätzlicher Leistungen für eine strukturierte Transition, sind bereits gute Ansätze im Ruhrgebiet seitens der behandelnden Institutionen implementiert, die es allerdings zu systematisieren und flächendeckend zu etablieren gilt. Besondere Probleme bestehen bei Krankheitsbildern, für die es keine oder nur wenige Experten im erwachsenenmedizinischen Bereich gibt – z.B. auf Grund der bisher geringen Lebenserwartung der Patientinnen und Patienten mit diesen Erkrankungen. Scheitern die Versuche, die Übergabe zu bewerkstelligen, können bzw. müssen sie auch weiterhin in der Pädiatrie versorgt werden.

Dass auch Krankenkassen als Kostenträger durchaus ein Interesse an der Umsetzung strukturierter Programme haben, wurde durch das vorgestellte Berliner TransitionsProgramm deutlich. Lediglich für einige bestimmte Patientengruppen kann davon ausgegangen werden, dass eine Transition in herkömmlichen Versorgungskontexten der Erwachsenenmedizin nicht zielführend ist: Patientinnen und Patienten mit Schwerstmehrfachbehinderungen und mit bestimmten seltenen Erkrankungen. Für diese Gruppen werden analog zu den bereits etablierten Sozialpädiatrischen Zentren mit Beschluss des Bundestages in 2015 sogenannte Medizinische Zentren für Erwachsene mit geistiger oder mehrfacher Behinderung (MZEB) zukünftig eingerichtet. Erste Schritte in die richtige Richtung – so das Fazit der Anwesenden, auch wenn der Aufbau dieser Strukturen und deren Etablierung in der Versorgungspraxis sicher erst in mehreren Jahren oder Jahrzehnten abgeschlossen sein werden.

Fachforum 6: Partizipation und Zielgruppenorientierung im Quartier

Die Wirksamkeit von Prävention und gesundheitlicher Versorgung steht und fällt mit der Mitwirkung ihrer Adressaten und Zielgruppen. Während in anderen kommunalen Politikfeldern ausgereifte Instrumente zur Partizipation und Beteiligung zum Einsatz kommen, sind Prävention und Gesundheitsversorgung noch stark durch die „Ange­botsseite“ und ihre Professionen geprägt. Vor diesem Hintergrund thematisierte das Forum „Partizipation und Zielgruppenorientierung im Quartier“ innovative Möglichkeiten der Ansprache und Teilhabe – insbesondere für schwer zu erreichende Zielgruppen.

Der Fokus lag dabei zunächst auf der Identifikation von Kindern und Jugendlichen mit besonderem Unterstützungsbedarf. Ohne genaue Kenntnisse über ihre Lebenslagen und die ihrer Familien sei eine Verbesserung der Situation unmöglich oder eine Ansprache nicht erfolgreich. Zu berücksichtigen seien dabei Indikatoren wie wirtschaftliche Lage, Integrationsbedarf, gesundheitliche Bedingungen, die Bildungsbeteiligung oder auch Umweltbedingungen (z.B. Wohnverhältnisse). Mit Hilfe eines Sozialmonitorings, das diese Indikatoren berücksichtige, können Teilhabechancen aufgezeigt und in einem nächsten Schritt sogar die Zielgruppen in die Entwicklung von Gesundheits- und Präventionsangeboten für eine Gestaltung passgenauer Maßnahmen einbezogen werden.

Eine erfolgreiche Einbindung der anvisierten Zielgruppe in die Entwicklung von Versorgungs- und Präventionsangeboten setze ferner eine gelungene Ansprache voraus: Die Botschaft müsse für die Zielgruppe jeweils verständlich und nachvollziehbar sein, um Abwehrreaktionen sowie Missverständnisse zu vermeiden. Elementar dafür sind genaue Kenntnisse über die Zielgruppe selbst sowie ihre Einstellungen, die Wahl der richtigen „Kanäle“ für die Ansprache sowie die Strategie, mit der die Botschaft versehen wird (z.B. Positivapelle oder eine humorvolle Ansprache).

Ebenfalls entscheidend für den Erfolg von Maßnahmen sei die Kooperation und Zusammenarbeit aller relevanten Akteure. Eine Möglichkeit, beispielsweise für zukünftige engere Kooperationen zwischen Kommunen und Krankenkassen, sahen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in dem neu in Kraft getretenen Bundespräventionsgesetz.

 


Erstellt am Dienstag, 10. Februar 2015, 12:39 Uhr