Projekte & Initiativen

Projekte und Initiativen

Multiinstitutionelle Hilfen für Kinder psychisch erkrankter Eltern in Essen

Vertrauen schaffen – auf allen Seiten!

In Essen, Großstadt im Ruhrgebiet, wurden im Jahr 2015 Kräfte neu gebündelt, um die Hilfen für Kinder psychisch erkrankter Eltern qualitativ und quantitativ neu aufzustellen:
Es sollten nachhaltige Strukturen geschaffen werden, die die langfristige und wirkungsvolle Hilfe für Kinder psychisch erkrankter Eltern und ihre Familie ermöglichen. Die Hilfen sollten nicht von externen zeitlich begrenzten Fördermitteln abhängig gemacht werden. „Säulen“ sollten überwunden werden. Die möglichen Hilfen für die Familien sind unterschiedlichen Sozialgesetzbüchern zugeordnet, unterschiedlichen Institutionen, Fachbereichen, Systemen und somit Fachkräften mit differierenden Haltungen, Fachsprachen und Abrechnungssystemen. Das System Familie erfordert jedoch einen gemeinsamen interdisziplinären Zugang. Herausforderungen und erreichte Steps werden im Artikel beschrieben.

Unbestreitbar hat sich viel in den letzten Jahren in der Unterstützung von Familien getan, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist – mit besonderem Blick auf die Kinder. In modellhaften Programmen wurden landesweit in vielen Kommunen Unterstützungsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt, Projekte initiiert und evaluiert, und in einigen Fällen konnte sogar der Transfer in die Regelversorgung und somit eine Verstetigung der Hilfeangebote erreicht werden. Viele der Projekte sind jedoch nach Ende der Förderzeit eingestellt worden oder konnten nur in sehr reduzierter Form, oftmals getragen von Spenden einzelner Sponsoren, weitergeführt werden.

In Essen ist die Arbeit an dem Thema „Unterstützung von Kindern psychisch erkrankter Eltern“ einerseits an der Basis von Jugendhilfe- und Suchthilfeakteuren entstanden: Verschiedene Träger in Essen haben in den letzten Jahren aufgrund des Erkennens des großen Unterstützungsbedarfes der Familien in ihrer Arbeit damit begonnen, Gruppenangebote für Kinder psychisch und suchterkrankter Eltern zu entwickeln. Dazu gehörten Fachkräfte der Wohlfahrtsverbände, freier Träger sowie der kommunalen Abteilungen, aber auch z.B. Selbsthilfeorganisationen, Sozialpädiatrische Zentren, die Suchthilfe und weitere Anbieter in Essen. Es erwies sich häufig als mühsam, die Gruppen tatsächlich „ans Laufen zu bringen“ – oftmals kamen die Eltern nicht zu den Gruppenterminen an.

Darüber hinaus sind auf sozialräumlicher Ebene in den vergangenen Jahren in Essen einzelne erfolgreiche Netzwerke zwischen räumlich eng miteinander verbundenen Trägern der Gesundheitshilfe sowie der Jugendhilfe entstanden (z.B. Psychiatrie, Sozialpsychiatrie, Erziehungsberatung), die sich aber nicht ohne weiteres auf andere Stadtbezirke übertragen ließen.

Wie wurde das Ziel zur Verbesserung der Hilfen für die Kinder psychisch kranker Eltern in Essen angegangen?

Die Initiative wurde im Jahr 2015 von der damaligen Jugendamtsleitung, der Psychiatriekoordination sowie der Leitung der städtischen Erziehungsberatungsstelle ergriffen. Die Arbeit insbesondere zwischen Psychiatriekoordinator und Erziehungsberatungsstellenleitung erwies sich als sehr konstruktiv, da mit beiden der systemübergreifende Zugang gewährleistet ist. Das Thema war bereits im Jugendamt, insbesondere den Frühen Hilfen aufgegriffen worden und es fand in 2015 ein erster Fachtag zu dem Thema statt (Tagung „Kinder psychisch kranker Eltern“).

Eine Stadt braucht Strukturen, die die Umsetzung und Entwicklung der Hilfen fördern

Es wurde realisiert, dass im Jahr 2010 Essen nicht als eine von neun Modellregionen des Landschaftsverbandes Rheinland ausgewählt worden war, um projektgeförderte Maßnahmen zur Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern umzusetzen. Begründung war das Fehlen notwendiger Strukturen. Es wurde in Essen als erstes Arbeitsziel formuliert, entsprechende Strukturen zu erarbeiten.

Trotz bereits existierender Kooperationsverträge wurden von etlichen Seiten Vorbehalte thematisiert, zeigte sich oft ein Nichtwissen über die Arbeitsweisen der anderen Institutionen, existierten veraltete Informationen, teilweise sogar innerhalb eines Arbeitsbereiches. Somit wurde als zweites Arbeitsziel definiert, dass alle Akteure, die mit psychisch erkrankten Eltern oder mit den Kindern arbeiten, sich besser kennen lernen, Vorurteile abbauen und gemeinsame Arbeitswege und Strukturen entwickeln.

In Essen arbeiten alle Akteure träger- und institutionsübergreifend in einem Gremium gemeinsam an dem Thema

Das Thema kann nur interdisziplinär gearbeitet werden. Die betroffenen Familienmitglieder leben innerhalb einer Familie, die Hilfen aber sind in verschiedenen Sozialgesetzbüchern, in verschiedenen Ämtern und Abteilungen angesiedelt, es gibt unterschiedliche Abrechnungssysteme und unterschiedliche Begrifflichkeiten. In Essen wurde beschlossen, das neue Gremium innerhalb der vorhandenen Strukturen des Gesundheitssystems (Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft) anzusiedeln, welches dann in gemeinsamer Geschäftsführung von Gesundheitshilfe (Psychiatriekoordinator) und Jugendhilfe (Erziehungsberatungs-stellenleitung) organisiert wird. Ziel war, diejenigen Akteure sowohl mit praktischem Arbeitsbezug als auch mit Entscheidungsbefugnis zusammen zu führen, um an der Weiterentwicklung des Themas gemeinsam zu arbeiten. In dem Gremium „ElsE, Elternschaft und seelische Erkrankung“ arbeiten heute Vertreter der beiden Systeme wie z.B. leitende Ärzte aller 3 Psychiatrien, der Sozialen Dienste der Kliniken, die Beratungsstellen (Erziehungs- und Schulberatung), die Sozialpädiatrischen Zentren, die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Obleute der niedergelassenen Therapeuten und Kinderärzte, Vertreter der stationären Jugendhilfe-Einrichtungen, des Sozialpsychiatrischen Dienstes, die Frühen Hilfen, die Wohlfahrtsverbände sowie freie Träger, die Suchthilfe, das Jugendamt/ASD und weitere Fachkräfte zusammen.

Die Arbeit sollte mit den Aktivitäten auf Landes- und Bundesebene möglichst verzahnt sein

Die Initiative in Essen wurde durch mehrere sich zeitgleich entwickelnde Faktoren positiv beeinflusst: Durch die Teilnahmemöglichkeit an der zeitlich parallel verlaufenden Entwicklung des Landespsychiatrieplanes NRW konnte innerhalb von Expertengremien mit dazu beigetragen werden, dass die Aufmerksamkeit auch an dieser Stelle auf die Kinder psychisch erkrankter Eltern gelenkt wird und das Thema mit im Landespsychiatrieplan verankert ist.

Auf Bundesebene tagt ein Expertengremium aktuell noch bis zum Ende des ersten Halbjahres 2019 und könnte die Implementierung von Programmen zur Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern empfehlen. Auch aus Essen konnten u.a. Erfahrungen mit rechtlichen Schnittstellenproblemen wie z.B. Datenschutzhindernissen und weitere praktische Erfahrungen mit einfließen.

Zugänge müssen aufsuchend umgesetzt werden

Die Entwicklung sollte jedoch nicht nur auf struktureller Ebene vorangetrieben werden, parallel wurde für die betroffenen Familien die Schaffung niederschwelliger neuer Zugänge als wichtig erachtet. Ziel war hier die Implementierung von Sprechstunden in allen Essener Erwachsenenpsychiatrien, um die Patienten, die Kinder haben, mit ihren familiären krankheitsspezifischen Sorgen dort zu unterstützen. Die Fachkräfte aller Essener Erziehungsberatungsstellen aller Träger konnten gewonnen werden, ohne aufgestockte Ressourcen ihre Zeit und Kompetenz in die Sprechstunden einzubringen. Die Sprechstunden finden nun seit einem Jahr statt. Darüber hinaus wurden weitere Gruppenprogramme für die Kinder u.a. in den Erziehungsberatungsstellen an den Start gebracht.

Gibt es „Dos and Don’ts“?

Es erschien uns wichtig, von Anfang an nicht auf Fördermittel zu setzen, sondern nachhaltige Strukturen und Angebote in den Regelsystemen zu entwickeln. Dadurch ist es gelungen – und dies nur mit dem Engagement von Fachkräften aus der Jugendhilfe und der Gesundheitshilfe gemeinsam – ein Arbeitsgremium zu gründen, flächendeckend in allen Erwachsenenpsychiatrien Sprechstunden anzubieten, eine Fortbildungsreihe für alle Sozialarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes über ein Jahr durchzuführen und einen Beschluss bzw. Auftrag von Jugendhilfe- und Gesundheitsausschuss zu erwirken, ein umfassendes Konzept zur Unterstützung von Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil zu entwickeln.

Darüber hinaus hat das bessere Kennenlernen und die gegenseitige Information der Fachkräfte aus den unterschiedlichen Systemen und Arbeitsbereichen dazu geführt, dass Vorbehalte abgebaut und neue Arbeitswege geebnet werden konnten.

Es gibt im Prinzip keine „Don’ts“, jedoch darf davon ausgegangen werden, dass das Erreichen der Ziele viel Ausdauer und Überzeugungsarbeit erfordert, dass eine kontinuierliche fachliche Unterstützung der bereits implementierten Angebote ein wichtiger langfristiger Gelingensfaktor ist, und dass letztens Endes auch zusätzliche finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen müssen. Fachkräfte können nicht dauerhaft zusätzliche Aufgaben übernehmen, und eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit, die unerlässlich ist, kostet Geld. Sowohl die Möglichkeit, städtische Haushaltsmittel zur Verfügung zu stellen, als auch weitere Ressourcen und insbesondere das Werben um Sponsoren bzw. Stiftungsmittel sollten in den Blick genommen werden.

Neben dem Blick auf die finanziellen Ressourcen sollte ein integrierter Versorgungsplan erstellt werden, der die vorhandenen und zu entwickelnden Angebote und Kooperationen bündelt und kommuniziert sowie die Mitwirkung auf Bundes- und Landesebene ermöglicht – idealerweise durch eine eigene Fachstelle.

Es gibt noch viel zu tun – in einer Workshoptagung werden als ein nächster Schritt die Bedarfe zur weiteren Verbesserung der Hilfen für die Betroffenen in Essen zusammengetragen.. Der Kreis der eingeladenen Fachkräfte wurde noch einmal erweitert um die Familienrichter, Familienhebammen, Kinderärzte, Familienzentren und die Geburtskliniken.

(Stand November 2018)

Dienstag, 12. November 2019