Gesund aufwachsen im Revier

Ohne interprofessionelle Zusammenarbeit geht es nicht!

In diesem Jahr fand der Kongress zur Kinder- und Jugendgesundheit bei seiner dritten Auflage seinen vorläufigen Höhepunkt. Unter der Teilnahme der Schirmherrin des Kongresses, der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, wurden auch in diesem Jahr Themen diskutiert, in der die Professionen vor große Herausforderungen gestellt werden. Dabei wurde sowohl im Plenum am Vormittag als auch in den Nachmittagsforen eines klar: Ohne interprofessionelle Zusammenarbeit geht es nicht!

Gesund aufwachsen – Kein Kind zurücklassen!

Den Auftakt des Kongresses gab die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft im Anschluss an die Begrüßung durch den Oberbürgermeister der Stadt Essen, Thomas Kufen, und MedEcon Ruhr Geschäftsführer Uwe Kremer. Entsprechend der Landesinitiative Kein Kind zurücklassen! stellte sie die Wichtigkeit von Lebenschancen für Kinder und Jugendliche, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem sozialen Status, heraus. Hier sei frühzeitiges Handeln – vor allem an den Übergängen von Lebensphase entlang der Präventionsketten – angezeigt, was gleichzeitig wiederum hohe Reparaturkosten zu vermeiden helfe. Mit dem zunehmenden Blick der Einzelaktivitäten der Landesinitiative in Richtung Gesundheit und dem Anliegen einer verstärkten interprofessionellen Zusammenarbeit schloss sich somit der Bogen zu einem der Grundanliegen des Kongresses. Die besondere Wichtigkeit einer strukturierten Zusammenarbeit der Professionen lässt sich am Beispiel der Kinderschutzambulanzen verdeutlichen. Bei diesem Thema gäbe es weiterhin Handlungsbedarf, auf den auch die nordrhein-westfälische Landesregierung reagiere.

Verändertes Krankheits- und Betreuungsspektrum durch die Flüchtlingssituation im Ruhrgebiet?

Auch Prof. Michael Paulussen, Ärztlicher Direktor der Kinderklinik in Datteln, sprach mit seinem Beitrag über die Herausforderungen in der Versorgung von minderjährigen Flüchtlingen den Kongressteilnehmern aus der Seele. Über Fragen der Akutversorgung hinaus müssen dabei gleichermaßen die Versorgung von chronischen Erkrankungen, Behinderungen, psychischen Erkrankungen und Traumafolgestörungen in den Blick genommen werden. Die Bewältigung der mit einem veränderten Krankheits- und Betreuungsspektrums einhergehenden Aufgaben kann nur in engem Austausch und enger Zusammenarbeit der Professionen gemeistert werden. Größtes Problem sei aber bei allem Engagement letztlich die Finanzierung. Denn mangelnde Kostenübernahmen und zeitaufwendige Untersuchungen – häufig unter Einsatz von Sprachmittlern – stellen alle Akteure vor Ressourcenprobleme in der Versorgung.

Diskussionsrunde im Plenum:

Wie in jedem Jahr werden die angesprochenen Themen in der zweiten Hälfte des Plenumsprogramms aus unterschiedlichen Blickwinkeln – d.h. mit der Perspektive unterschiedlicher Einrichtungen und Professionen – beleuchtet. In diesem Jahr standen dafür neben dem aktiven Auditorium, das sich intensiv in die Diskussion eingebracht hat, Birgit Zoerner (Stadträtin der Stadt Dortmund), Günter Wältermann (Vorstandsvorsitzender AOK Rheinland/Hamburg), Dr. Burkhard Lawrenz (BVKJ Landesverbandsvorsitzender Westfalen-Lippe) und Prof. Michael Paulussen zur Verfügung.

Fachforum 1: Seelische Gesundheit – Traumata bei minderjährigen Flüchtlingen

Das Fachforum 1 schloss an die Veranstaltung „Traumata und Traumafolgestörungen bei minderjährigen Flüchtlingen“ an, die im Rahmen des Regionalen Innovationsnetzwerks am 09. November 2016 in Bottrop stattgefunden hat. Während es im November dabei zunächst um Fragen der Diagnostik und Identifikation von Traumata und psychischen Störungen ging, sollte in dieser Runde nun der Fokus verstärkt auf die Frage gelegt werden, welche Handlungsmöglichkeiten bei bereits diagnostizierten Erkrankungen überhaupt bestehen.

Mehr als 36% der Asylsuchenden in Deutschland sind minderjährig. Kinder und Jugendliche (und deren Familien) mit belasteten Lebensgeschichten benötigen teilweise therapeutische Hilfe. Angebote der Regelversorgung sind jedoch rar und mit langen Wartezeiten verbunden. Somit wird die Bedeutung der Zusammenarbeit der Professionen aus Jugendhilfe und Gesundheitswesen deutlich, um die Versorgung der geflüchteten Kinder und Jugendlichen zu verbessern und ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen. Das Fachforum zeigte anhand von unterschiedlichen Ansätzen und Beispielen Ideen und Denkanstöße für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Traumata aufgrund von Flucht auf, die sowohl unter den gegebenen Rahmenbedingungen der Gesundheitsversorgung als auch vor dem Hintergrund „neuer“ therapeutischer Herausforderungen (wie kulturelle Einflüsse, Sprachbarrieren, Erfahrungen mit Kriegsopfern,…) zu bewerkstelligen sind.

Projekte wie #YOUNGREFUGEES_NRW der AWO Westliches Westfalen oder feste Institutionen auf kommunaler Ebenen wie die Medizinische Flüchtlingshilfe in Bochum oder die Psychosozialen Zentren in Dortmund und Düsseldorf haben es sich zum Ziel gesetzt, die Situation von möglichst vielen von Traumafolgestörungen betroffenen Flüchtlingen zu verbessern. Sie bieten Maßnahmen zur Krisenversorgung und Stabilisierung, psychotherapeutische Betreuung und Begleitung und systembezogene Interventionen an. Hierzu werden besondere Instrumente in Diagnostik und Therapie benötigt. Ein Beispiel ist der Einsatz von Kultur- und Sprachmittler, die während der Therapie als Co-Therapeuten fungieren. Gleichzeitig ist es ein Anliegen der Initiativen, geflüchteten Kindern und Jugendlichen eine Stimme zu geben und Empfehlungen für ein koordiniertes, integriertes kommunales Gesamtkonzept zu erstellen.

Für die Anschaulichkeit des Themas hat die Ausstellung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Gelsenkirchen gesorgt. Diese haben selbstgemalte Bilder von geflüchteten Jugendlichen mitgebracht. Mit Hinblick auf die Auseinandersetzung mit den Themen Flucht und Krieg sind die Bilder in Zusammenarbeit mit einem ebenfalls geflüchteten syrischen Kunstlehrer entstanden.

Fachforum 2: Chronische Erkrankungen – Gesundheitsversorgung und soziale Teilhabe

Das Thema der chronischen Erkrankungen begleitet den Kongress bereits seit seiner ersten Stunde und stellt gleichzeitig auch eines der Themenfelder des Regionalen Innovationsnetzwerks dar. Auf den letzten beiden Kongressen sowie in den unterschiedlichen Veranstaltungen zum Thema chronische Erkrankungen durch das Jahr hindurch wurde der Fokus auf die Frage gelegt, wie die Versorgung bei chronischen Erkrankungen möglichst bruchlos und ganzheitlich ausgestaltet werden kann. Dieses Mal richtete man den Blick besonders auf die alltägliche Lebensgestaltung dieser Kinder und Jugendlichen. Es wurde zudem der Frage nachgegangen, inwieweit Vertreterinnen und Vertreter in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, in Vereinen und anderen Orten der Betreuung und Freizeitgestaltung einen Beitrag dazu leisten können, Kindern mit chronischen Erkrankungen soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Auch das Spannungsfeld von medizinisch-therapeutischen indizierten Aufgaben und pädagogischer Arbeit lässt sich nur durch Zusammenarbeit aufheben, was sich an Behandlungsspektren von Hör-, Sprach- und Stimmstörungen bis hin zu Schulschwierigkeiten aufgrund von Lese-Rechtschreib-Schwächen, Rechenschwächen und Konzentrationsstörungen verdeutlichen lässt. Je nach Krankheitsbild stellt hier z.B. die Unterstützung durch Technik einen wichtigen Baustein für die soziale Teilhabe der Kinder und Jugendlichen dar, bei dem es zu erarbeiten gilt, wie Technik und Pädagogik ineinander greifen können.

Vor dem Hintergrund der Inklusion werden diese Fragen zunehmend relevanter. Das Forum gab Anregungen und Denkanstöße, aber auch konkrete Informationen für alle pädagogischen Professionen, die sich den Herausforderungen stellen möchten.

Im Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen wirken also nicht nur unterschiedliche Risikofaktoren auf den gesundheitlichen Zustand von Kindern und Jugendlichen ein. So besteht z.B. bei einer akuten chronischen Erkrankung ein generell erhöhtes Risiko einer weiteren chronischen Erkrankung. Es wirken gleichzeitig verschiedenartige Schutzfaktoren, wie z.B. eine positive Selbstwahrnehmung, soziale Kompetenzen oder Bewältigungsstrategien. An diesem Punkt konnte das Forum die Brücke zu wissenschaftlichen Fragestellungen, wie sie im Projekt „NIKI – Neue Volkskrankheiten im Kindes- und Jugendalter“ untersucht werden, schlagen. Denn genau diese Faktoren sind es letztlich, an denen psychosoziale Unterstützung eine positive Wirkung auf gesundheitliche Entwicklungen haben kann.

Fachforum 3: Gesundheitszentren – Familienzentren: Denkmodelle fürs Quartier

Während dem Begriff Familienzentrum in Nordrhein-Westfalen eine konkrete Definition hinterlegt ist, wird unter einem Gesundheitszentrum für Kinder- und Jugendliche ganz Unterschiedliches verstanden. Die Vorstellungen gehen dabei von einer intensiven, strukturierten Vernetzungsarbeit aller relevanten Akteure aus Gesundheitsversorgung, Bildung, Jugendhilfe und Öffentlichem Gesundheitsdienst über ein konkretes Fallmanagement bzw. ein spezifisches Beratungsangebot durch Experten bis hin zu der Vereinigung aller Professionen unter einem Dach. Sämtlichen Ansätzen ist der intensive Austausch aller Akteure hinsichtlich gesundheitlicher Fragestellungen gemeinsam. Doch welches der Modelle ist auch realitätstauglich? Und was bräuchte es für ihre Umsetzung?

Drei unterschiedliche Ansätze, die jeweils drei Thesen folgten, wurden gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Format des „Open Space“ erarbeitet und diskutiert:

a) Kinderarztzentrierte Beratungsangebote

Eltern, die vom Kinder- und Jugendarzt zur Beratung geschickt werden, kommen zu einem großen Teil nicht in den Beratungsstellen an. Die Beratungsangebote müssen deshalb an vertraute Orte wie Kinderarztpraxen angebunden werden. Stellenweise sind sogar Hausbesuche hilfreich.

Die Initiierung eines Beratungs- bzw. Unterstützungsangebots muss häufig von der Profession aus „angetriggert“ werden, die auch im täglichen Umgang den häufigsten Zugang zu den Familien hat. Für die Altersgruppe von 0-3 Jahren sind dies die niedergelassenen Pädiater.

b) Präventionsketten

Die zukünftige Aufgabe liegt weniger in der mangelnden Versorgungssituation, sondern betrifft eher die Umsetzung der interprofessionellen Zusammenarbeit innerhalb der Alters- bzw. Entwicklungsstufen. Die Überleitung an den Schnittstellen der altersspezifischen Unterstützungsnetzwerke stellt dabei eine besondere Herausforderung dar.

c) „Familienzentren“ als Gesundheitszentren

Wenn der Austausch zwischen medizinischem und pädagogischem Personal nicht regelmäßig und routinemäßig organisiert wird, kommt es häufig zu Fehleinschätzungen bezüglich gesundheitsbezogener Interventionsbedarfe auf beiden Seiten. Nur die gemeinschaftliche Beratung von Medizinern und Pädagogen kann sicherstellen, dass etwaige Widerstände von Seiten der Eltern durchbrochen werden können.

Ergebnis waren aktive Diskussionen über die Chancen, aber gleichzeitig  auch über die Grenzen der Ansätze.

 

 


Erstellt am Mittwoch, 1. März 2017, 10:00 Uhr